Aufnahme der Predigt (18:50)
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Die Predigt "Du zeigst uns deine Herrlichkeit" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Deuteronomium 5,23-29

In aller Kürze

Gott redet und alle sind beeindruckt. In seinem Reden zeigt sich seine ganze Größe und Majestät. Was kommt bei uns an und wie reagieren wir darauf?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, seinem Sohn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Bereits seit einigen Tagen beschäftigen wir uns im Rahmen der ökumenischen Bibelwoche mit dem Buch Deuteronomium. Daraus kommt auch der Text für den heutigen Bibelsonntag. Das Deuteronomium schildert uns, wie das Volk Israel nach 40 Jahren in der Wüste nun an der Grenze zum Land Kanaan steht -- dem Land, das Gott dem Volk als Eigentum versprochen hatte. Lang ist es her, dass sie aus Ägypten ausgezogen sind. Lang ist es her, dass sie schon einmal an der Schwelle zu Gottes Verheißungen standen. Damals hatten sie nicht den Mut, ihm zu vertrauen. Das traurige Ergebnis: Eine ganze Generation ist seither vergangen. 40 Jahre in der Wüste! 40 vergeudete, sinnlose Jahre. Die, die jetzt hier stehen, waren noch Jugendliche, Kinder, oder noch gar nicht geboren, als das Volk durch das Rote Meer zog. Sie kennen die Aufregung der ersten Wüstentage nur aus den Erzählungen der Alten. Sie können sich kaum noch daran erinnern, dass Gott seinem Volk am Berg Sinai begegnete. Dass er einen Bund mit ihnen schloss und aus Feuer und dunklen Wolken heraus zu ihnen sprach. Dass Mose mit den 10 Geboten vom Berg herunter kam. All das ist ferne Vergangenheit. Erinnerungen eben.

Diese Erinnerungen müssen wieder neu lebendig werden. Die Erfüllung von Gottes Versprechen ist greifbar nahe. Es soll nicht noch einmal scheitern wie vor 40 Jahren. Und deshalb versammelt Mose das Volk und erinnert sie an Gottes Bund, an die Begegnung mit ihm, an seine Versprechen und an seine Gebote. Darum geht es im Buch Deuteronomium. Und davon lesen wir heute, aus dem 5. Kapitel des Buches:

Als ihr aber die Stimme aus der Finsternis hörtet und der Berg im Feuer brannte, tratet ihr zu mir, alle eure Stammeshäupter und eure Ältesten, und spracht: Siehe, der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät, und wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört. Heute haben wir zwar gesehen, dass Gott mit Menschen redet und sie am Leben bleiben. Aber nun, warum sollen wir sterben? Dies große Feuer wird uns noch verzehren! Wenn wir des HERRN, unseres Gottes, Stimme weiter hören, so müssen wir sterben. Kann denn Sterbliches die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer reden hören wie wir und doch am Leben bleiben? Tritt du hinzu und höre alles, was der HERR, unser Gott, sagt, und sage es uns. Alles, was der HERR, unser Gott, mit dir reden wird, das wollen wir hören und tun.
Als aber der HERR eure Worte hörte, die ihr mit mir redetet, sprach er zu mir: Ich habe gehört die Worte dieses Volks, die sie mit dir geredet haben; es ist alles gut, was sie geredet haben. Ach dass sie ein solches Herz hätten, mich zu fürchten und zu halten alle meine Gebote ihr Leben lang, auf dass es ihnen und ihren Kindern wohlginge ewiglich! (Deuteronomium 5,23-29)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, wir würden im Anschluss an die ökumenischen Bibelgottesdienste, die heute überall in der Umgebung stattfinden, ein großes Fest miteinander feiern. Zugegeben, draußen ist es etwas kalt im Moment, aber vielleicht hätten wir ein großes, beheiztes Festzelt, so dass im behaglichen Warmen sitzen können. [Hier] Oben, in Burgfelden, wo die Alb am schönsten und man dem Himmel am nächsten ist. Ein leckeres Mittagessen wird gereicht, der Posaunenchor spielt, es ist einfach ein Wonne. Bis plötzlich am Eingang des Zelts Unruhe entsteht. Die, die weiter hinten sitzen, recken die Hälse, um zu sehen, was los ist. Irgendetwas passiert da draußen. Immer mehr verlassen ihre Bänke und eilen ins Freie, um das Schauspiel nicht zu verpassen. Droben über dem Böllat ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Schwarz, wie sie noch keiner zu seinen Lebzeiten gesehen hat. Blitze durchzucken den Himmel. Donner grollen. Rauch steigt auf über dem Böllat, wie von einem Vulkan. Keiner hat so etwas je gesehen. Die Erde beginnt zu beben, erst kaum spürbar, dann immer stärker. Längst haben die Bläser aufgehört zu spielen und doch glaubt man plötzlich, wieder neu den Ton einer Posaune zu hören. Irgendwo aus der Ferne. Dann immer lauter. Immer durchdringender. Bis man kaum noch etwas anderes hört.

Und allen ist unheimlich zumute. Keiner weiß so recht, was er tun soll. Die Pfarrer stimmen ein Gebet an. Und dann, plötzlich ist da eine Stimme. Keiner sieht, wo sie herkommt, aber jeder hört sie. Klar. Deutlich. Mit Autorität. Keiner kann sich ihr entziehen. Gott selbst spricht zu uns. Gott. Auf dem Böllat.

So ähnlich muss das wohl gewesen sein, damals, eine Generation vor unserem Text, als sich Israel bei seiner Wüstenwanderung am Sinai lagert. Die Bilder, die ich in meiner Vorstellung auf den Böllat verlegt habe, finden sich im Text im Buch Exodus, Kapitel 19. Und Mose erinnert daran in unserem Text von heute: "Als ihr aber die Stimme aus der Finsternis hörtet und der Berg im Feuer brannte..." Eine Rückblende, zu einem der beeindruckendsten Momente in der Geschichte des Volkes.

Gott spricht.

Und wie könnte das nicht beeindruckend sein, wenn er den Menschen nahekommt und spricht?

Gott spricht. Das erste Mal, als das in der Bibel auftaucht, entstehen Himmel und Erde. So gewaltig ist sein Wort, dass es ein Universum hervorbringen kann. Gott spricht und es wird Licht, das Chaos wird geordnet,  Land und Meer entstehen. Gott spricht und Sonne Mond und Erde erleuchten das Firmament. Gott spricht und Pflanzen wachsen, Gras und Bäume und Blumen und Früchte. Gott spricht und Tiere füllen das Meer, den Himmel und das Land. Gott spricht, "Lasset uns Menschen machen" und schafft den Menschen nach seinem Bilde. Gott spricht. Und Dinge geschehen. Unglaubliche Dinge. Das sind Dimensionen, in denen wir kaum denken können.

Gott spricht. Wie könnte das nicht beeindruckend sein?

Gott spricht zu Noah und die Schleusen des Himmels öffnen sich.

Gott spricht zu Abraham und ein neues Volk entsteht.

Gott spricht, mitten in der Wüste, aus einem Dornbusch in Flammen, der doch nicht verbrennt, zu einem einsamen Hirten namens Mose. Und der bekommt einen Eindruck von der Macht und Heiligkeit, die ihm da greifbar nahe kommt: "Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn ader Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!" Was er dann spricht, der Gott, der Mose hier begegnet, verändert die Geschichte der Welt.

Sein Reden setzt Dinge in Gang, die dorthin führen, zum Sinai, wo sich das ganze, von Gott befreite Volk versammelt und mit offenem Mund dasteht und sieht und staunt und hört, was Gott spricht.

Wie könnte es nicht beeindruckend sein, wenn Gott redet?

"Siehe, der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät, und wir haben seine Stimme aus dem Feuer gehört.", lässt Mose die Stammesoberhäupter und Ältesten erzählen. Und er berichtet von ihrer Reaktion, frisch unter dem Eindruck der überwältigenden Begegnung mit Gott: "Heute haben wir zwar gesehen, dass Gott mit Menschen redet und sie am Leben bleiben. Aber nun, warum sollen wir sterben? Dies große Feuer wird uns noch verzehren! Wenn wir des HERRN, unseres Gottes, Stimme weiter hören, so müssen wir sterben. Kann denn Sterbliches die Stimme des lebendigen Gottes aus dem Feuer reden hören wie wir und doch am Leben bleiben?"

Das Reden Gottes hat keinen kalt gelassen. Im Gegenteil: So gewaltig war seine Erscheinung, dass Angst das Volk erfüllt. Niemand traut sich, noch länger in seiner Nähe zu sein. Keiner möchte sich noch einmal seinem Reden aussetzen. Und alle sind sich ehrfürchtig gewiss: Einem solch mächtigen Gott sollten wir besser gehorchen! "Teile uns mit Mose, was er uns sagt. Wir werden darauf hören und alles befolgen!"

Das ist schon auch die Reaktion, die Mose gerne noch einmal hören würde, als er hier im Deuteronomium vor dem Volk steht und diese alte Geschichte noch einmal erzählt. Geschichten sind "stellvertretendes Erleben", habe ich irgendwann einmal gelernt. Sie nehmen uns mit in die Erlebniswelt von anderen und lassen uns teilhaben an deren Erkenntnissen, deren Gefühlen, deren Eindrücken und an dem, was andere daraus gelernt haben. Ich muss gar nicht erst selbst dunkle Wolken über dem Böllat sehen, um zu begreifen, was es heißt, wenn Gott redet. Dazu reicht die Geschichte aus, denn sie nimmt ihre Zuhörer mit an den Sinai, zu Rauch und Blitzen und Posaunenton und der durchdringenden Stimme Gottes. Das ist es, was Mose hier will. Und die erwartete Antwort ist immer dieselbe: "Wir werden darauf hören und alles befolgen!"

"Es ist gut, was sie sagen", spricht Gott in diesem Bericht zu Mose. " Ach dass sie ein solches Herz hätten, mich zu fürchten und zu halten alle meine Gebote ihr Leben lang, auf dass es ihnen und ihren Kindern wohlginge ewiglich!"

Das ist auch die Reaktion, als im siebten Jahrhundert vor Christus bei einer Tempelreinigung diese Worte Gottes auf einer Schriftrolle wiederentdeckt werden. Entsetzen packt den König und das ganze Volk. König Josia zerreißt seine Kleider. Das ganze Volk beginnt einen Prozess der Buße. Die Worte Gottes erklingen noch einmal, vorgelesen von den Priestern. "Und der König trat an die Säule und schloss einen Bund vor dem HERRN, dass sie dem HERRN nachwandeln sollten und seine Gebote, Zeugnisse und Rechte halten von ganzem Herzen und von ganzer Seele und aufrichten die Worte dieses Bundes, die geschrieben stehen in diesem Buch. Und alles Volk trat in den Bund." (2. Könige 23,3)

Wie könnte es nicht beeindrucken sein, wenn Gott redet?

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ich muss euch heute ehrlich gestehen, dass ich mich an diesem Text reibe. Es stört mich zutiefst, zu lesen, was hier passiert. Natürlich kann ich mich gut in die Eindrücke hineinversetzen, die die Begegnung mit Gottes Größe und Herrlichkeit und das Hören auf sein Reden bei den Menschen hinterlassen. Ich wäre wahrscheinlich genauso mit offenem Mund dagestanden und hätte genauso reagiert wie alle anderen auch.

Aber beim nüchternen Nachdenken über die Reaktion Israels beschleicht mich immer mehr das Gefühl, dass hier doch eigentlich irgendetwas falsch läuft.

Gott redet und alle sind beeindruckt. Klar. Wie könnte es auch anders sein?

Gott redet und alle sind so beeindruckt, dass sie ihn nie wieder reden hören wollen. Das klingt schon etwas eigenartig. Und dann suchen sie sich eine Lösung, einen Vermittler zwischen Gott und Menschen, der hingeht und stellvertretend für alle hinhört, weil alle anderen es nicht mehr ertragen können, Gott zu begegnen. Das klingt für mich bedenklich. Irgendwie nach tiefstem Mittelalter, wo nur eine auserwählte Gruppe von Menschen für sich den Zugang zu Gott reklamieren konnten, während allen anderen nur der Weg durch die Institutionen eines religiösen Systems blieb. Weit weg von Gott.

Kann es denn wirklich sein, dass Gott redet und alles, was dabei herauskommt, Angst ist? Dass Menschen so von Furcht gepackt sind, dass sie aus dieser Angst heraus versprechen, tunlichst alles zu halten, was Gott von ihnen verlangt? Ist dass denn wirklich das, was Gott will?

Ich reibe mich an diesem Text. Was mache ich denn jetzt?

Bei Martin Luther habe ich gelernt, Texte von der Mitte der Schrift her zu lesen. Vom Evangelium, von Jesus Christus her.

Da passt der zweite Text, den wir heute Morgen gelesen haben (Johannes 1,1-14), gut ins Bild und ich will ihn dem Sinaierlebnis gerne zur Seite stellen.

Auch bei Johannes geht es um Gottes Reden: "Am Anfang war das Wort." Auch er spart nicht mit Hinweisen darauf, wie beeindruckend und mächtig dieses Reden Gottes ist: "... und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. ... Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist."

Und auch bei Johannes begegnen Menschen in diesem Reden Gottes seiner ganzen Größe: "... und wir sahen seine Herrlichkeit."

Aber wer hier weiter liest, dem geht auf, dass dieses Reden Gottes so ganz anders zu den Menschen kommt. Es kommt in der Gestalt seines Sohnes, in Jesus Christus selbst, der zu uns kommt, als Mensch wie wir: "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."

Wie könnte es nicht beeindruckend sein, wenn Gott redet? Beeindruckender als das, was wir in Jesus sehen und hören, geht es gar nicht mehr.

"Der HERR, unser Gott, hat uns sehen lassen seine Herrlichkeit und seine Majestät", berichten die Ältesten Israels. "Wir sahen seine Herrlichkeit", schreibt Johannes. Und das Ergebnis dieser Begegnung? "Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade."

Gnade um Gnade.

Keine Angst.

Keine Furcht, die zum Gehorsam treibt, der dann doch immer wieder versagt. Bei Israel kurz nach dem Sinai in der Wüste, als sie der Mut verlässt. Bei der nächsten Generation im Deuteronomium schnell genug, als sie das Land betreten und Gott wieder vergessen. Bei König Josia und seiner Generation bald genug, als Gottes Wege wieder verlassen werden. Wenn ich eines aus der Geschichte lernen kann, ist es, dass wir Menschen es nicht schaffen, aus eigenen Stücken immer nach Gottes Geboten zu leben. Auch dann nicht, wenn die Angst uns treibt.

Und dann redet Gott. Laut und deutlich. Nicht aus einer dunklen Wolke, mit Blitz und Rauch und Posaunenschall. Sondern in Jesus Christus, seinem Sohn.

Und was ich höre, ist: Gnade um Gnade.

Genau das, was ein Sünder braucht. Was ich brauche.

Gott redet. Wie könnte das nicht beeindruckend sein? "Wir haben seine Herrlichkeit gesehen ... und aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade."

Wenn das so ist, dann rede weiter, Herr. Ich will hören von dir. Ich will lernen von dir. Ich will mich beeindrucken lassen von deiner Herrlichkeit und Majestät, die mir in Jesus Christus entgegen kommt. Ich will mich verändern lassen, durch das, was du sagst. Ich will mich freuen an deiner Herrlichkeit. Ich will immer neu aus deiner Fülle Gnade empfangen.

Rede, Herr. Ich höre. Und ich preise deine Größe.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer