Die Erfüllung

Bibelarbeit am Stammbaum des Christkinds

Aufnahme der Predigt (15:53)
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Die Predigt "Die Erfüllung" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Matthäus 1,1-25

In aller Kürze

Einer der spannendsten Weihnachtstexte wird oft einfach überblättert. Dabei verrät uns das Matthäusevangelium im ersten Kapitel, worum es beim Kommen Jesu jenseits von Engeln, Königen und Geschenken wirklich geht. Die ganze Geschichte der Welt verändert sich dabei.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Nun nähern sich die Weihnachtsgottesdienste schon wieder ihrem Ende. Am Heiligabend haben wir voller Freude in der Geschichte von Hirten und Engeln und dem Kind in der Krippe geschwelgt. Am Weihnachtstag gestern haben wir gefeiert, dass Gott zu uns Menschen kommt. Und nun hängt dieser zweite Weihnachtsfeiertag fast wie so ein überflüssiges Anhängsel dran, möchte man meinen -- und bekommt einen der Randtexte der Weihnachtsevangelien, der als Rest noch übrig ist.

Doch wer das denkt, liegt voll daneben: Wir haben sozusagen heute den Joker erwischt -- einen der spannendsten Texte rund um Weihnachten überhaupt. Ihr glaubt mir nicht? Gehört ihr etwa auch zu denen, die diese Art von Stammtafeln lieber schnell überblättern, um zu spannenderen Erzählungen zu kommen -- zu Hirten und Engeln oder, im Fall von Matthäus, zu den Weisen, die aus dem Osten kommen? Dann verpasst ihr vielleicht das Wichtigste. Gerne möchte ich euch davon heute überzeugen und mit euch eine Art kleiner Bibelarbeit machen. Deshalb habt ihr auch alle den Text in die Hand bekommen.

Ich lade euch ein, in Gedanken mit mir eine kleine Reise zu unternehmen: Zurück in das erste Jahrhundert, in dem diese Texte geschrieben wurden. Ungefähr 30 Jahre nach der Auferstehung Jesu entsteht der erste lange Text, der sich mit seinem Leben beschäftigt: das Markusevangelium -- das älteste und zugleich auch kürzeste der vier Evangelien, die wir in der Bibel haben. Dieser Text ist revolutionär: "Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes", steht über diesen sechzehn Kapiteln und schon in diesem ersten Satz geht es voll zur Sache: "Evangelium" -- "gute Nachricht" oder "frohe Botschaft" -- ist ein Begriff der sonst politisch verwendet wird (für Erfolgsmeldungen über den römischen Kaiser), genau wie "Sohn Gottes" ein gängiger Herrschertitel ist. Bereits im ersten Satz stellt das Markusevangelium klar: Die wahren Herrschaftsverhältnisse sind anders als man im römischen Weltreich meinen könnte. Die gute Nachricht ist, dass ein ganz anderer die Macht hat -- der wahre Gottessohn. Jesus. Der Christus -- dazu nachher mehr.

Eine Weihnachtsgeschichte gibt es bei Markus nicht. Er springt mitten hinein ins Geschehen, erzählt kurz von Johannes dem Täufer und bereits im neunten Vers des ersten Kapitels taucht Jesus als erwachsener Mann auf -- bereit, sich taufen zu lassen und seine Mission zu beginnen, Evangelium zu verkünden: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15)

Das ist das Markusevangelium. Es muss eingeschlagen haben wie eine Bombe.

Und doch findet man es ungefähr ein Jahrzehnt später nötig, noch einen weiteren Bericht über das Leben Jesu zu schreiben. "Man" sage ich deshalb, weil wir nicht genau wissen, wer die Evangelien verfasst hat. Die Tradition verbindet jedes Evangelium mit einem bekannten Namen aus den biblischen Erzählungen. Wer auch immer das Matthäusevangelium geschrieben hat, hat das Markusevangelium auf jeden Fall gekannt -- ja, sogar manche Passagen daraus wörtlich abgeschrieben. Und doch hält man es nun für nötig, Dinge zu erzählen, die im ersten Evangelium noch nicht stehen. Wir sollten gerade diesen Texten besondere Aufmerksamkeit schenken, wenn sie den Menschen damals so wichtig erschienen. Der heutige Text ist einer davon. Und wieder ist es sozusagen die Überschrift über das gesamte Buch.

"Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams", beginnt das Matthäusevangelium und dann folgt genau das: Ein Stammbaum. Eine Ahnentafel. Erst im Anschluss kommt dann die eigentliche Weihnachtsgeschichte, die Geburt Jesu. Ganz kurz, ohne Hirten und Engel, ohne Krippe und Stall. Von der Ankündigung Jesu wird berichtet, auch von der Engelserscheinung bei Josef. Die eigentliche Geburtsgeschichte erledigt Matthäus in einem Satz: "Josef erkannte seine Frau nicht" -- das heißt, er schlief nicht mit ihr -- "bis sie ihren Sohn gebar. Und er gabe ihm den Namen Jesus." Das war's.

Aber zurück zum Anfang.

"Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams." Diesen Satz (eigentlich ist es ja nicht einmal ein vollständiger Satz) darf man nicht einfach überlesen. Es ist nicht nur die Überschrift, die der Verlag über den Text gesetzt hat. In diesem einen Satz entfaltet sich bereits das gesamte Programm des Matthäusevangeliums. Also der Grund, warum dieses Evangelium überhaupt geschrieben wurde.

"Stammbaum Jesu Christi" steht da. Das ist eigentlich schlecht übersetzt, weil sich das Griechische hier auch nur holprig übersetzen lässt. "Buch des Ursprungs Jesu Christi" steht da ungefähr im Griechischen. Und weil die meisten von uns kein Griechisch kennen, fällt uns auch nicht auf, was Ursprung auf Griechisch heißt: Genesis. Schon mal gehört? Genesis -- das ist das erste Buch der Bibel. Die Ursprungserzählungen. "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", beginnt dieses Buch. Das ist Genesis. Der Ursprung. Alles kommt von Gott. Und das Matthäus das hier wieder aufgreift, ist kein Zufall. Schon gar nicht, wenn man den Satz weiterliest.

"Sohn des Davids, Sohn des Abraham." Mit zwei kurzen Titeln nimmt uns Matthäus mit hinein in die Höhepunkte der Geschichte Israels.

Abraham -- der Stammvater seines Volkes, den Gott auserwählt, damit er und seine Nachkommen ein Segen für die ganze Welt sein sollen. Übrigens im Buch Genesis (das nur so nebenbei).

Mit Abraham schließt Gott einen Bund. Mit ihm beginnt eine lange Geschichte des Handelns Gottes an den Menschen -- speziell an seinem auserwählten Volk Israel -- von der das erste Testament erzählt.

Abraham verspricht Gott ein Land für seine Nachkommen in dem Landstrich, der damals Kanaan heißt. Abraham bekommt davon selbst nicht mehr mit. Die Geschichte zieht sich noch über Jahrhunderte hin. Erst einmal befinden sich Abrahams Nachkommen in einem fremden Land, in Ägypten, wo sie unterdrückte Sklaven sind. Aber Gott befreit sein Volk, teilt das Rote Meer, führt sie durch die Wüste und über den Jordan und schließlich genau in das Land, das er Abraham versprochen hat. Dort lassen sie sich nieder. Sie werden sesshaft. Sie etablieren eine neue Nation, die unter der Herrschaft ihres zweiten Königs zu ihrer größten Blüte bringen. Dieser König heißt David.

Auch David hat Gott sich auserwählt. Er hat ihn ausgesucht aus einer großen Familie, mit stolzen Brüdern, die jeder andere viel eher zum König gemacht hätte. Gott aber schaut das Herz an und er erwählt David. Er segnet ihn. Er macht ihn groß und sein Reich stark. Und in der Blütezeit seiner Herrschaft verspricht er David, dass einer seiner Nachkommen für immer auf dem Thron sitzen wird. Und seines Friedensreichs werde kein Ende sein.

"Sohn des David, Sohn des Abraham" -- beginnt ihr zu ahnen, was Matthäus hier tut?

Der versprochene König, der für immer herrschen soll, ist lange nicht gekommen. Generationen haben auf ihn gewartet. Jahrhunderte vergingen. Auch von den Bundesversprechen Gottes an Abraham war noch einiges weiter offen geblieben: "Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen." Niemand konnte genau den Finger auf etwas legen, was dieses Versprechen erfüllt hätte. Und so blieb nur das Warten. Das Hoffen. Der Glaube, dass Gott jemanden senden würde, der das alles erfüllt. Der Verheißene. Der Gesalbte Gottes. Ha-Maschiah auf Hebräisch. Und auf Griechisch, in der damaligen Weltsprache: Ho Christos. Christus.

Das Buch des Ursprungs von Jesus, dem Christus, dem Sohn Davids, dem Sohn Abrahams.

So beginnt das Matthäusevangelium. Dämmert euch langsam, was in diesem einen Satz steckt? In wenigen Worten hat Matthäus es geschafft, den Ursprung der Welt und die gesamte Verheißungsgeschichte Israels, über Abraham und David bis zum versprochenen Messias, auf eine Person zu beziehen. Auf Jesus. Darum geht es in seinem Buch.

Die folgenden Verse bauen das ganz plastisch auf: In drei Abschnitten zählt das Evangelium die Vorväter Jesu von Abraham an auf. Dabei wird durchaus der eine oder andere, der nicht so wichtig scheint, übersprungen, um den Stammbaum am Ende als ein sorgfältig ausgeklügeltes System präsentieren zu können: "Im Ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen." (Matthäus 1,17).

Man könnte jetzt viel über die Zahl Vierzehn sagen. Im Hebräischen, der Sprache Israels, gibt es keine unterschiedlichen Zeichen für Zahlen und Buchstaben. Jeder Buchstabe hat einen Zahlenwert und man addiert dann einfach eine Reihe von Buchstaben auf. Es gibt verschiedene Arten, wie man dabei auf Vierzehn kommen kann, aber eine sticht heraus: Dalet-Vav-Dalet. 4 plus 6 plus 4. Vierzehn. Oder als hebräisches Wort gelesen: David. Kein Zufall an dieser Stelle. Gott hat einen genauen Plan, will Matthäus sagen. Gott hat sich das alles präzise ausgedacht. Und das Ende des Plans, das Ergebnis, der Erfolg ist: Jesus.

Man kann sich noch einmal die Abschnitte des Stammbaums anschauen, die Matthäus hier selbst aufzählt:

Von Abraham bis David, die Zeit des Hoffens auf das versprochene Land, auf das Erbteil, das Gott zugesagt hatte. Ägypten steckt da drin und Mose und die ganze Erfolgsgeschichte, wie Gott seinem Volk eine Heimat gibt.

Von David bis zur Gefangenschaft in Babylon: die genau gegenteilige Bewegung. Der Absturz des Gottesvolkes, das sich um seinen Gott nicht mehr schert. Das eigenen Interessen, eigenen politischen Überzeugungen und selbstgemachten Göttern hinterherläuft. Und das am Ende das verheißene Land verlassen muss. Der Tiefpunkt der Geschichte Israels. Ein absolut einschneidendes Erlebnis.

Fast alle Texte der hebräischen Bibel sind von dieser Perspektive aus geschrieben worden: Aus der Zerbruchserfahrung von Menschen, die ihren Glauben und ihr Land verloren hatten. Was wir an Geschichte dort lesen, sind Erklärungsversuche, wie es dazu kommen konnte. Und dazwischen immer wieder: Hoffnung. Hoffnung, das es anders wird. Hoffnung, dass Gott seine Treue auch einem untreuen Volk gegenüber halten würde, dass seine Versprechen an Abraham und David immer noch gelten. Hoffnung, auf das Eingreifen Gottes; darauf, dass das Blatt sich wendet. Hoffnung auf den Messias. Der dritte Abschnitt des Stammbaums. Von der Babylonischen Gefangenschaft bis ... ja eben bis Jesus.

Jesus. Der Christus. Der Sohn Abrahams und Davids.

Jesus steht am Ende dieser Geschichte. Matthäus zeigt deutlich, dass er nicht einfach ein weiterer in der langen Reihe ist. Engel kündigen ihn an. Er komme vom Heiligen Geist. Er werde Israel erlösen von ihren Sünden -- mit anderen Worten, von genau dem, was die Menschen überhaupt in den damaligen Schlamassel gebracht hatte. Jesus ist die Lösung.

Und dann in Vers 22 sagt Matthäus etwas, was er im ganzen weiteren Verlauf seines Buches immer und immer wieder sagen wird: " Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat."

Lasst mich zusammenfassen: Für Matthäus ist Jesus der Höhepunkt der Geschichte -- sowohl der Geschichte der Welt, als auch der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Alles führt zu ihm hin. Alle Linien laufen bei ihm zusammen. Vom Ursprung her mündet alles in ihn.

Er ist die Erfüllung von Gottes Versprechen an Abraham: Endlich werden durch einen Nachkommen Abrahams alle Menschen dieser Welt gesegnet.

Er ist die Erfüllung von Gottes Versprechen an David: Mit ihm kommt das Reich Gottes zu den Menschen -- ein Reich, nicht von dieser Welt, auf dessen Thron ein Friedenskönig sitzt und für immer herrschen wird.

Er ist die Erfüllung dessen, was die Propheten vorausgesagt haben, als sie durch die Jahrhunderte hindurch vom Kommen des Messias redeten: In ihm ist Gott selbst bei den Menschen gegenwärtig. "Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns." (Matthäus 1,23; nach Jesaja 7,14).

Er ist der Messias, der Gesalbte Gottes, der versprochene Retter, mit dem Gott die Menschen aus der Gewalt der Sünde befreit.

Kein Wunder, dass er im viel bekannteren nächsten Kapitel als König besucht und beschenkt wird.

Er ist alles. Er ist das Zentrum der Geschichte. Der Höhepunkt. Mit ihm ändert sich alles. An ihm hängt die gesamte Geschichte dieser Welt.

Jesus, der Christus, der Sohn Davids und der Sohn Abrahams.

Die Erfüllung.

Bald zweitausend Jahre sind vergangen, seit das Matthäusevangelium geschrieben wurde. Viel ist seither geschehen. Aber an dieser Feststellung ändert sich nichts: Das Kommen Jesu, des Christus, des Sohnes Davids und Abraham, hat alles anders gemacht. Wenn wir die Welt verstehen wollen, schauen wir auf ihn. Wenn wir einen Sinn in den Dingen finden wollen, schauen wir auf ihn. Wenn wir uns gottverlassen fühlen, schauen wir auf ihn und sehen Gottes Heilshandeln an seiner Person.

Sein Kommen feiern wir heute und jeden Tag, weil alles in ihm seine Erfüllung findet:

Jesus, der Christus, der Sohn Davids und der Sohn Abrahams.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer