Bild: pixabay / 12019, Lizenz: CC0

Damals

Von toten Träumen und Kirche in der Kraft des Auferstandenen

Begleitzettel zur Predigt
Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Begleitzettel zur Predigt (leer)
Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Druckbare Version des Predigttexts
Predigt als E-Book
Du kannst den Text dieser Predigt auch als E-Book im EPub-Format lesen. Um die Datei zu speichern, klicke mit der rechten Maustaste auf den Link und wähle "Ziel speichern ..."
Die Predigt "Damals" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Apostelgeschichte 4,32-37

In aller Kürze

Damals... als Kirche noch fast wie ein Traum war. Damals war alles besser? Und heute? Wenn der Traum tot ist, braucht es den Auferstandenen. Denn an diesem Auferstandenen hängt alles.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wie sieht dein Traum von Kirche aus? Vom Reich Gottes in dieser Welt?
  2. Wo erlebst du die Gnade und Kraft des Auferstandenen?
  3. Welche Schritte könntest du heute gehen, damit der Traum ein Stück mehr Wirklichkeit wird?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Gnade mit euch und Friede.

Gnade soll euch Gott schenken, die er uns in Jesus zeigt.

Möge die Kraft seiner Auferstehung mächtig in uns wirken.

Möge der Auferstandene spürbar, greifbar mitten unter uns sein.

So wie damals, als alles angefangen hat.

Damals...

Man hört den Seufzer des Autors fast in den Zeilen der Apostelgeschichte, die die Gemeinde Jesu Christi in ihren ersten Tagen beschreibt. Wisst ihr noch: Damals? Wir waren ein Herz und eine Seele. Eine wunderbare, große Familie. Wenn wir uns jeden Tag in irgendeinem Haus in Jerusalem trafen, war die Kraft des Auferstandenen Christus mächtig unter uns. Seine Gnade war fast mit Händen zu greifen. Wir kamen zusammen, um von ihm zu hören, zu singen, zu erzählen. Pfingsten war noch nicht lange her und sein Geist -- das wussten wir -- war spürbar unter uns. Wir brachen das Brot miteinander und tranken aus dem einen Kelch und feierten seinen Tod und seine Auferstehung. Die Erlösung, die er uns brachte. Große Gnade!

Und nicht nur Brot und Wein haben wir geteilt. Nicht nur miteinander gelacht und gesungen und auch mal -- wenn das Leben es so mit sich brachte -- einander umarmt und miteinander geweint. Wir hatten alles gemeinsam. Keiner von uns musste Not leiden. Wenn einer einmal einen Gewinn gemacht hatte, brachte er ihn her. Die Leitenden haben es verteilt, jedem so wie er Bedarf hatte -- ohne Neid und Missgunst und Sozialbetrug. Jeder hatte, was er zum Leben brauchte. Allen ging es gut.

Damals.

Der Autor der Apostelgeschichte hat diese Tage nicht selbst miterlebt. Er kennt sie nur aus den Erzählungen der Alten, aus vergangenen Tagen, lange vorbei. Die Gemeinschaft vom Anfang, dort in Jerusalem, ist ja nicht die kleine Häusergemeinde geblieben. Längst haben die Apostel ihr Zeugnis vom Auferstandenen um die ganze bekannte Welt getragen. Überall im römischen Reich und darüber hinaus sind neue Gemeinden, neue Gemeinschaften entstanden. Menschen aus aller Herren Länder, aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Hintergründen, sind Teil der Kirche geworden. Manches hat sich verändert seither. Alles ist größer, vielfältiger, bunter. Manche neuen Fragen sind entstanden. Neue Rituale wurden gefunden, die Christen überall miteinander verbinden. Vieles hat sich gewandelt.

Und doch. Damals.

Die Erzählung aus der frühen Gemeinde klingt fast wie ein Traum. Zu schön, um wahr zu sein. Damals. Ein Märchen, möchte man meinen: "Es war einmal, in einem fernen Land, eine Gemeinschaft von Christen." "Und wenn sie nicht gestorben sind", stünde dann am Ende. Aber da bricht das Märchen auch schon jäh ab. Denn sie sind ja gestorben. So ist nun einmal das LEben und die Welt und der Wandel der Zeit. Und die Zeiten ändern sich. Heute ist nicht damals.

Und doch. Damals. War das nicht wunderschön?

Vielleicht könnten wir da auch noch die eine oder andere Erzählung hinzufügen -- von ganz ähnlich traumhaften Zuständen. Von ganz ähnlichem "damals".

Damals, als die Kirchen noch voll waren. Als es selbstverständlich war, dass die Menschen am Sonntag in die Gottesdienste strömten. Damals, als es hier in Tailfingen noch fast 10.000 evangelische Christen gab. Als man an Judika 130 junge Leute konfirmierte und zweimal hintereinander Kinderkirche machen musste, weil die Kirche so voll war. Als man bei drei Kirchengebäuden am Ort noch Pläne für eine vierte Kirche machte, dort auf Stiegel, vor dem Gemeindezentrum. Als man die Friedhofskapelle noch mitnutzte für Gottesdienste und Gemeindehäuser baute, nicht verkaufte. Damals.

Damals. Hört ihr das Seufzen?

Damals, würden wir heute vielleicht sagen, als wir noch keine Masken tragen mussten in Gottesdienst. Als wir noch keinen Ordnungsdienst brauchten und Absperrbänder und Pfeile und Klebemarkierungen auf dem Fussboden. Als wir noch zwei Gottesdienste am Sonntag feierten, dicht beieinander saßen und laut und fröhlich sangen. Und nebendran feierten die Kinder ihren Kindergottesdienst. Damals.

Das ist noch gar nicht so lange her. Und fast scheint es wie eine Ewigkeit. Wie ein Traum aus einer anderen Welt, wenn man sich hier heute morgen im Kirchenraum umschaut.

Damals.

Heute schauen wir aus einer ganz anderen Perspektive auf die Dinge. Wacher. Distanzierter. Aufgeklärter. Vielleicht auch einfach: Ernüchterter.

Wir wissen, dass die Dinge oft anders sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Dass so mancher einem Traum von vergangenen Zeiten nachtrauert, die es in Wirklichkeit so gar nie gegeben hat. Dass Erinnerungen manchmal sehr selektiv sind, bruchstückhaft ausgewählt, wie einzelne Teile eines Puzzles. Dass damals auch nicht alles nur toll war und früher nicht immer alles besser.

Wenn in Jerusalem wirklich jeder sein Land und sein Haus verkauft hätte, wo hätte man sich dann "in den Häusern" getroffen? Und wovon hätten die Christen gelebt, wenn das Geld aus den Verkaufserlösen aufgebraucht war?

Die Bereitschaft von Christen, Opfer zu bringen zugunsten von anderen, zu helfen und praktische Nächstenliebe zu zeigen, ist immer geblieben. Aber das ideale Gemeinschaftsmodell der früher Jerusalemer Gemeinde hat in der Kirchengeschichte nicht lange überdauert. Warum nicht?

Ein nüchterner Blick auf die Geschichte kann manchmal ganz heilsam sein.

Es war einmal, in einem fernen Land, eine Gemeinde. ...

Und weil sie alle gestorben sind, und die Zeiten sich geändert haben, und wir heute vor ganz anderen Herausforderungen stehen, und sich die Ideale von damals als unrealistischer Traum erwiesen haben und überhaupt nur in die falsche Richtung führen -- vom "real existierenden Sozialismus" schweigen wir jetzt einmal ganz -- ... deshalb klappen wir jetzt das Buch zu und haken das Thema Apostelgeschichte als kirchengeschichtlich interessantes, aber leider von der Realität überholtes Modell ab. Und dann gehen wir nach Hause und hören auf, den Träumen vom besseren Damals nachzutrauern und reißen uns mal zusammen und leben Kirche im Hier und Heute. Bodenständig. Realitätsnah. In anderen Zeiten eben.

Der Traum ist tot.

Amen.

???

Moment mal.

Das kann es ja nicht gewesen sein.

Wenn der Autor der Apostelgeschichte vom "Damals" schreibt, dann klingt das manchmal fast vorwurfsvoll. Fast wie ein Befehl, endlich zu den Zuständen von Damals zurückzukehren. "Back to the roots", "zurück zu den Wurzeln" eben.

An anderen Stellen scheint da aber auch so etwas wie eine Vision durch. Eben doch eine Art Traum, eine Hoffnung, eine Ahnung, dass es da mehr gibt, als das, was uns der "nüchterne Blick auf die Vergangenheit" vielleicht auch schonungslos zeigt.

Dass Kirche eben mehr ist, als eine menschlich messbare Größe. Dass da doch etwas da ist, was uns Anlass und Mut geben sollte, Träume nicht einfach aufzugeben. Sondern, im Gegenteil, mutig zu träumen und zu hoffen und gemeinsam darauf hinzuarbeiten, dass etwas wächst, was wir ganz nüchtern nicht für möglich halten würden.

"Große Gnade" bezeugt der Autor für die frühe Gemeinde. Aber haben denn nicht auch wir vor wenigen Wochen Karfreitag gehabt und uns daran erinnert, wie weit Gott geht, um uns zu sich zu ziehen. Was er zu tun bereit ist, damit sein Reich zu uns kommen kann -- selbst bis zum Tod am Kreuz? Haben nicht auch wir dieselbe große Gnade?

"Große Kraft" sieht der Autor in der frühen Gemeinde. Aber haben denn nicht auch wir vor zwei Wochen Pfingsten gefeiert und uns daran gefreut, dass Gott durch seinen Heiligen Geist in unserer Mitte gegenwärtig ist? Dass er Christus in uns wirkt und in unserer Gemeinde und dass er Dinge pflanzt und wachsen lässt, auch hier und heute in Tailfingen? Haben nicht auch wir dieselbe große Kraft?

Und mittendrin: Der Auferstandene, von dem die Apostel Zeugnis geben. Nicht nur mit Worten, sondern genau damit, dass sie seine Liebe auch ganz praktisch leben. An diesem Auferstandenen hängt alles. Wäre er nicht auferstanden, hätte sich das kleine Häufchen seiner Anhänger längst in alle Winde zerstreut. Die hätten alle längst aufgegeben. Und alles wäre nur ein weiterer Traum von einem "Damals" gewesen. Aber das geht nicht. Sie haben nämlich den Auferstandenen gesehen. Dahinter können sie nicht mehr zurück. Das hat alles verändert. Für immer.

Auch für uns. Haben wir nicht auch Ostern gefeiert? Und feiern wir das nicht auch jeden Sonntag? Nur weil die "österliche Freudenzeit" im Kalender jetzt ein Ende hat und manche meinen, mit Trinitatis beginne die "festlose Zeit", ist doch der Auferstandene nicht wieder ins Grab zurückgekehrt! Nein, er ist mitten unter uns! Selbst heute, in dieser traurigen Gestalt von Kirche mit Masken und Absperrungen. Christus ist auferstanden!

Also, lasst uns träumen, liebe Brüder und Schwestern!

Wenn der Traum tot ist, braucht es den Auferstandenen.

Lasst uns träumen!

Lasst uns nüchtern feststellen, dass die Zeiten sich ändern in dieser Welt und nicht alles ideal und traumhaft schön ist in dieser Welt -- und dann wieder neu dran denken, dass wir in Christus Teil einer anderen Welt sind, des Reiches Gottes, in dem manche irdische Grenze nicht mehr gilt.

Lasst uns nie aufhören zu hoffen und zu suchen, und danach zu streben, dass Dinge sich ändern. Lasst uns lieben und teilen und umarmen. Miteinander lachen und weinen und teilen von unserem Leben und von dem, was Gott uns gibt.

Lasst uns beten "dein Reich komme" und so leben und erleben, dass es tatsächlich kommt.

Was es dazu braucht, hat sich in manchem gar nicht so großartig geändert. Es braucht offene Herzen und offene Türen und offene Arme. Offene Münder zum lachen, weinen und singen -- und zum Staunen über Gott. Offene Kühlschränke und offene Einladungen und manchmal offene Geldbeutel, um von unserem Überfluss abzugeben. Offene Augen (auch "des Herzens" wie im Epheserbrief) um zu ahnen, was noch geschehen kann, wenn die Kraft und Gnade des Auferstandenen weiter wirken.

Manchmal braucht es auch ganz neue Dinge. Sicher sind unsere Herausforderungen oft andere als die der kleinen Gemeinschaft in Jerusalem.

Wo sich dort Menschen aus allen Ländern einmütig versammelten, da kämpft unsere Welt heute neu mit Rassismus und Ausgrenzung und Abgrenzung voneinander. Da braucht es offene Armen und offene Hirne und ein offenes Bekenntnis zu der Gottesebenbildlichkeit, mit der alle Menschen geschaffen sind. Egal, welche Hautfarbe sie haben, aus welchem Land sie kommen, welcher Religion oder welchem Geschlecht sie angehören und zu wem sie sich hingezogen fühlen. Da braucht es Träumer und Hoffende, Menschen die Gottes Reich leben und vom Auferstandenen ihre Kraft bekommen und in denen widerhallt, was auch nach über fünfzig Jahren noch kein Bisschen Bedeutung verloren hat: "I have a dream..." "Ich habe einen Traum..."

Auch das Teilen miteinander steht vor neuen Herausforderungen: Wo früher viele Menschen von der Hand in den Mund lebten, genügte eine Einladung zum Essen schon, damit ein weiterer Tag gesichert war. Heute müssen wir weiter denken. Gerade Menschen, die in unseren Tagen von der Hand in den Mund leben, sind in ihrer Existenz bedroht, weil das Klima sich verändert. Da hilft eine kurzfristige Spende an Geld oder Nahrung nicht weit. Da heißt Teilen auch umdenken. Verzichten. Und vielleicht muss ich heute nicht mehr wie in der Apostelgeschichte mein Haus verkaufen, aber ich sollte besser drüber nachdenken, ob ich mir wirklich wieder einen dicken Spritfresser kaufe. Ob ich fünf mal in der Woche billiges Fleisch essen muss. Ob der Flug in den Urlaub wirklich notwendig ist und was ich tue, wenn ich mir ein T-Shirt für einen Euro kaufe.

Ja, die Zeiten haben sich geändert. Wir sind nicht mehr "damals", sondern heute.

Aber der Traum vom Reich Gottes bleibt. Weil der Auferstandene bleibt und seine Kraft und Gnade dieselben sind. Weil er derselbe ist, gestern heute und in Ewigkeit.

Möge sein Geist uns das Hoffen und Träumen erhalten und unsere Arme, Herzen und Türen weit öffnen.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer