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Benedictus

Zweifeln und Glauben

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Die Predigt "Benedictus" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Lukas 1,67-79

In aller Kürze

Zacharias hat nicht geglaubt. Aber in seinem Herzen, da wächst ein neuer Glaube, der schließlich gar nicht anders kann, als sich im Lob Gottes Gehör zu verschaffen: "Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!" Kurzversion der Predigt vom 3. Advent für das Seniorenheim

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Zacharias

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Lasst uns ein paar Worte über Zacharias reden.

Zacharias, das ist der Autor dieser wunderschönen Worte, die wir heute bereits miteinander gebetet haben. "Benedictus" nennt man diesen Text, eines der großen biblischen Gebete. "Bendedictus", nach dem lateinischen Anfang: "Gelobt sei der Herr!"

Lasst uns über Zacharias reden.

Zacharias hat nicht geglaubt.

Was angesichts dieses beeindruckenden Gebets überraschend erscheinen mag, legt sich wie ein dunkler Fleck über das Leben von Zacharias.

Zacharias hat nicht geglaubt.

Und daran wird man sich für immer erinnern.

Die Geschichte von Anfang an: Das Lukasevangelium beginnt mit der Erzählung von Zacharias, einem schon recht alten Priester aus dem judäischen Bergland, verheiratet mit Elisabeth und -- zu beider großem Unglück -- leider kinderlos. Das allein war schon ein Makel in der damaligen Gesellschaft, die Kinder als sichtbares Zeichen des Segens Gottes betrachtete. Beim Anblick des kinderlosen Ehepaars hat sich sicher mancher gefragt, was wohl der Grund sein könnte, warum Gott hier seinen Segen verweigerte. Ob es da wohl ein Problem gab? Die Blicke der anderen und der Anblick von glücklichen, kinderreichen Familien, haben Zacharias und Elisabeth wohl manches Mal einen Stich ins Herz versetzt. Sehnsucht. Enttäuschung. Vielleicht sogar Bitterkeit.

Doch dann kommt, gleich in den ersten Versen, dieser wunderbare Gott, von dem das Lukasevangelium so viel zu erzählen hat und erbarmt sich der Kinderlosen. Das ist ja das, was sich durch die Geschichte von Weihnachten und überhaupt durch das ganze Leben des Jesus von Nazareth durchzieht: Dass Gott denen nahekommt, die klein und gering sind, enttäuscht, unbeachtet, ungeliebt, wertlos in den Augen der anderen. Dass Gott sich ganz klein macht -- in einem Kind -- und Mensch wird, auf Augenhöhe mit all denen, die ihn so dringend brauchen.

Zacharias begegnet Gott im Tempel. Ein Vorrecht, dort, ganz nahe am Allerheiligsten, dem Wohnort Gottes, Dienst am Räucheraltar tun zu dürfen. Auch ein Priester erlebte diese Momente der symbolischen Gottesnähe nicht oft. Dort, ganz allein vor Gott, während alle anderen draußen beten, da spricht plötzlich ein Engel des Herrn zu Zacharias: "Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben."

Welch ein Erlebnis! Wer kann schon von sich sagen, eine Begegnung mit einem Engel gehabt zu haben? Und dann noch mit einem, der die Erfüllung der kühnsten, längst verloren geglaubten Lebensträume verspricht?

Zacharias kann das.

Aber Zacharias hat nicht geglaubt.

"Ich bin alt", stammelt er, "und meine Frau ist hochbetagt."

Logische Argumente, wo doch Vertrauen in Gott gefragt gewesen wäre.

Zacharias hat nicht geglaubt.

Und das hat Konsequenzen. Bis zur Geburt seines Sohnes werde er wegen seines Unglaubens stumm sein, sagt der Engel. Und so geschieht es auch.

Stumm geht er nach Hause.

Jeder merkt sofort, dass da etwas vorgefallen ist.

Stumm tritt er seiner Frau entgegen.

Fragen und Sorgen und hilflose Gesten bleiben unbeantwortet.

Stumm verbringt er die nächsten Tage, Wochen, Monate.

Zacharias hat nicht geglaubt.

Das wird ihm immer anhängen.

Zacharias...

Tailfingen

Wer bin ich eigentlich, dass ich heute so über Zacharias rede? Was maße ich mir an, mir ein Urteil zu fällen über diesen Mann?

Was hätte ich getan an seiner Stelle?

Das weiß ich nicht. Ich werde es nie wissen.

Aber was tue ich heute? In meiner Situation? Im Jahr 2020, mit Corona und allen seinen Herausforderungen? Mit ständig neuen Schreckensnachrichten, mit neuen Einschränkungen, mit endlosem Warten und mit Zahlen, die uns allen davonlaufen? Mit immer neuen Plänen, die scheitern? Immer neuen Hoffnungen, die dann wieder verschoben oder abgesagt werden? Wie ist es da?

Plötzlich fühle ich mich Zacharias viel näher, als es mir lieb ist.

Ich merke: Auch mir fällt oft das Glauben schwer.

Die fast schon vergessene Jahreslosung für 2020 -- die könnte von Zacharias stammen. Oder von mir. Dieser Schrei: "Ich glaube, Herr! Hilf [doch] meinem Unglauben!"

Auch mir fällt oft das Glauben schwer.

Das Vertrauen auf Gott. Mich auf ihn zu verlassen, heißt ja auch, mich damit abzufinden, dass ich selbst nicht immer alles unter Kontrolle habe. Dass mir oft gar nichts anderes mehr bleibt, als mich in seine Hände fallen zu lassen, weil meine Hände sowieso nichts ausrichten können. Kaum ein Jahr hat mir das so krass vor Augen geführt wie dieses.

Auch mir fällt oft das Glauben schwer.

Zacharias war Priester. Ganz nahe bei Gott. Brückenbauer zwischen Gott und Menschen. Näher als jeder andere durfte er zum Gnadenthron, zum Allerheiligsten.

Zacharias hat nicht geglaubt.

Ich bin Pfarrer. Berufen, das Evangelium zu verkünden. Davon lebe ich. Dafür lebe ich.

Und auch mir fällt oft das Glauben schwer.

Wie mag es da erst anderen um uns herum ergehen? Denen, die dieses Jahr noch einmal ganz anders mitgenommen hat. Weil es ihnen nicht so gut geht wie mir: Weil sie ihre Arbeit verloren haben und ihr Einkommen. Weil sie den Kontakt zu anderen verloren haben und einsam zu Hause sitzen. Weil sie liebe Menschen verloren haben, die jetzt ganz schmerzlich fehlen. Weil sie die Hoffnung auf eine Zukunft und das Grundvertrauen in unsere Gesellschaft und Sicherheit verloren haben.

Und ich: Bleibe stumm?

Fällt uns gar allen das Glauben schwer?

Zacharias

Ich frage mich, wie Zacharias die folgenden Monate verbracht hat.

Stumm sieht er zu wie... na ja, wie am Anfang erst einmal gar nichts passiert. Das dauert ja, bis eine Schwangerschaft tatsächlich sichtbar wird. War er hin- und hergerissen, zwischen Zweifeln und Hoffen? Immerhin hatte er ja einen Engel gesehen. Oder hatte er sich das alles nur eingebildet? Wir würden da heute wahrscheinlich schnell ein paar passende psychologische Erklärungen finden. Selbst sein Stummsein könnten wir als Folge eines traumatischen Erlebnisses verstehen. Hat Zacharias auch solche Erklärungen gesucht?

Und dann, als Elisabeths Bauch sich sichtbar zu wölben begann... Eigentlich ein Grund für grenzenlose Freude! Für Zacharias muss der Anblick jeden Tag auch eine Erinnerung gewesen sein, dass er dieses Geschenk Gottes ersteinmal nicht wahrhaben wollen hatte:

Zacharias hat nicht geglaubt.

Tailfingen

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Weihnachten steht vor der Tür. Wir sind schon in der Woche nach dem 3. Advent. "Bereitet dem Herrn den Weg!" Der Wochenspruch hat einen direkten Bezug zu dem Kind, dass Zacharias und Elisabeth bald geboren wird. Johannes wird es heißen. Johannes, der Täufer. "Bereitet dem Herrn den Weg!", das wird sein Dienst sein und dieses Weg-Bereiten beginnt schon hier, bei Zacharias.

Zacharias

Noch ist es stumm. Noch ist er stumm.

Ob er damals, schon vor jenem anderen, von dem die Jahreslosung stammt, schon innerlich geschrien hat: "Hilf meinem Unglauben!"?

Ich weiß es nicht.

Aber ich habe den Verdacht, dass mit jedem Tag, mit jedem Zentimeter, den Elisabeths Bauchumfang wuchs, auch der Glaube im Herzen von Zacharias zu wachsen begann.

Bis zum Tag der Geburt. Bis die Verheißung sich vor seinen Augen erfüllt. Bis ihm der Mund wieder aufgeht.

Und da platzt es aus ihm heraus, was sich über all diese Tage und Monate angesammelt hat in seinem Herzen:

Zacharias glaubt.

Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David.

Zacharias glaubt.

So groß ist sein Glaube geworden, dass er ihn gar nicht mehr für sich behalten kann.
So intensiv ist seine Hoffnung, dass er nicht nur den verheißenen Sohn vor sich sieht, sondern schon darüber hinausschaut, auf das noch Größere, was Gott tun wird -- das, wofür hier der Weg bereitet wird:

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
[...] [wird] uns besuchen [..] das aufgehende Licht aus der Höhe,
auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Zacharias glaubt.

Tailfingen

Bereitet dem Herrn den Weg!

Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!

Ich frage mich, wie das in Tailfingen aussehen könnte, wenn Gott in diesen Tagen diesen Hilferuf beantwortet. Wenn in uns der Glaube wächst. Und wächst. Und die Hoffnung gedeiht. Und das Evangelium Wurzeln schlägt: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, denn euch ist [...] der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr."

Und wächst, so lange, bis wir selbst davon völlig gepackt sind.
Und wächst, so lange, bis wir es gar nicht mehr für uns behalten können.
Und wächst, bis wir es hinausrufen in Worten und Liedern und Lichtern und Gesten und Telefonanrufen und Weihnachtsgeschenken und liebevollen Zuwendungen, so dass es keiner überhören kann in diesem Tailfingen, dass das 2020 noch einmal ganz neu und besonders hören muss:

Benedictus

Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils
im Hause seines Dieners David.

Und:

Durch die herzliche Barmherzigkeit Gottes
besucht auch uns in Tailfingen -- nicht nur in der Kirche, sondern in den Häusern; trotz Ausgangsbeschränkung, Quarantäne und Lockdown -- das aufgehende Licht aus der Höhe,
auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer