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Ausgewählte Gurken

Vom Gott, der die Kleinen liebt

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Die Predigt "Ausgewählte Gurken" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Deuteronomium 7,6-12

In aller Kürze

Es ist immer das Gleiche: Gewählt werden die Großen, Starken. Übrig bleiben die, die keiner will: Kleine, Dicke, Brillenträger... Bei Gott ist das anders. Gerade die Kleinen liebt er. Und er trifft seine Wahl, sagt sein Ja zu uns, bevor wir überhaupt die Gelegenheit haben, Großes zu leisten.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wir wussten immer schon im Voraus, wie es ausgehen würde: Es lief immer gleich ab, wenn im Schulsport wieder Mannschaften gebildet werden sollten. Den Anfang machten die Sportskanonen unter sich aus. Sie gaben den Ton an, waren klare Mannschaftsführer. Meistens suchte der Lehrer die beiden Besten aus, um Mannschaften zu wählen. Schließlich sollten nicht beide im selben Team spielen, damit den anderen auch noch eine Chance blieb. Schnell waren dann abwechselnd die übrigen Guten verteilt. Dann kam die "2. Wahl" an die Reihe. Die, bei denen es eigentlich egal war, zu welcher Gruppe wer gehörte, weil ihre Spielbeiträge nicht so wesentlich sein würden. Und am Ende standen nur noch wir da. Wir, das wahren die Kleinen, die Dicken, die Brillenträger, die Unsportlichen. Uns in seiner Mannschaft zu haben, war eher eine Strafe als eine Chance. Man konnte nur hoffen, dass wir am Ende mehr dem Gegner als unseren eigenen Mitspielern im Weg stehen würden. Man nahm uns in Kauf, weil sonst keiner mehr da war. Nie hätte man uns freiwillig ausgewählt.

Aus dem Buch Deuteronomium, aus dem 7. Kapitel. Gott spricht durch Mose zu seinem Volk:

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. (Deuteronomium 7,6-12)

Sie wussten immer schon im Voraus, wie es ausgehen würde: Es lief immer gleich ab, wenn die Mächtigen der Welt in ihre Kriege zogen. Im "fruchtbaren Halbmond", jenem Stück Erde zwischen den Wüsten, wo eine der großen Wiegen der menschlichen Zivilsation lag, gab es immer schon die Großen, und die Unbedeutenden. Und immer haben sie ihre Kriege geführt. Im Süden: Ägypten, die große Hochkultur am Nil, das Reich der Pharaonen, dessen einstige Größe wir heute noch an seinen Pyramiden, Tempeln und Gräbern erahnen können. Im Norden waren es immer wieder neue Reiche: Mal die Hethiter, die Assyrier aus Niniveh, das babylonische Großreich. Später Perser, Griechen und Syrer. Das Muster war immer das selbe: Die Großen maßen sich aneinander. Sie nahmen sich, was sie wollten, weil sie es konnten. Und die Kleinen zwischendrin gerieten unter die Räder.

Das war das Schicksal Israels. Der kleine Haufen von ehemals aus Ägypten geflohenen Sklaven hat nie eine große Rolle auf der Weltkarte gespielt. Ihr Pech war es vor allem, dass sie genau an der Route zwischen den Großen im Norden und im Süden lagen. Voll im Weg, sozusagen. Und so bekamen sie immer wieder die volle Breitseite der Gewalt der Mächtigen ab. Die spürten das noch nicht einmal. Israel war politisch und militärisch völlig bedeutungslos.

Natürlich hört sich das in der Rhetorik der Kleinen selbst nie so an. Man will ja schließlich auch jemand sein in dieser Welt. Man würde ja so gerne zu den Großen gehören. Man will ja mitspielen im Spiel der Anderen.

Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. (Deuteronomium 7,1-2)

So klingt kleinstaatliches Wunschdenken. Die geschichtliche Realität ist eine andere. Egal ob als Sklaven in Ägypten oder als Kleinbauern in der Levante: Israel hat immer zu der Gruppe der Letzten gehört. Zu den Kleinen, den Dicken und den Brillenträgern. Zu den Unsportlichen der Welt. Keiner hätte dieses Volk freiwillig gewählt.

Keiner?

Doch: Einer!

Das macht ihn so anders als die vielen Götter, an die man im Umfeld Israels glaubt. Die Götter der Starken und Mächtigen. Dieser Eine wählt die Kleinen. Schon ihre Väter hat er gewählt, als sie noch versprengte Nomaden in der Wüste waren -- Stammeshäuptlinge irgendwo in einem verloren Winkel der Welt: Abraham, Isaak, Jakob. Er ist "Jahwe", "Ich bin für euch da" für ein Volk von Sklaven in Ägypten. Eine Revolution! Niemand sonst wäre auf die Idee gekommen, dass Sklaven einen Gott haben könnten. Die Götter der antiken Welt standen immer auf der Seite der Mächtigen. Er ist "Jahwe", "Ich bin für euch da", für einen heimatlosen Haufen verloren in der Wüste. Mit ihnen schließt er einen Bund: "Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott." "Jahwe." "Ich bin für euch da." Er schwört seine Treue zu einer Ansammlung von Kleinbauern im judäischen Bergland. Nicht den interessanten, mächtigen Herrschern rundherum. Nicht den Philistern und nicht den Hethitern, nicht den Ägyptern und nicht den Assyrern. Nein, er hat sich Israel gewählt. Mit denen ist kein Staat zu machen. Und er liebt sie trotzdem.

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Jahwe. "Ich bin für euch da." Er ist der Gott, der die Kleinen liebt. Der die Unbedeutenden erwählt.

Und er tut es immer wieder. Auch ganz persönlich. Er wählt einen zweifelnden Abraham und einen zickigen Josef. Einen stotternden Mose schickt er als seinen Boten zum Pharao. Einen unbedeutenden Hirtenjungen, den sogar sein eigener Vater vergisst, macht er zum großen König David. Einen feigen Gideon zum Heerführer. Einen viel zu jungen Jeremia beruft er als seinen Propheten. Nicht nur ihn, sondern sogar einen Jona, der vor ihm wegläuft und sich versteckt. Ein unverheiratetes Mädchen aus einem Bauerndörfchen in Galiläa wählt er aus, um die Mutter Jesu Christi zu werden.

Jahwe. "Ich bin für euch da." Er ist der Gott, der die Kleinen liebt. Der die Unbedeutenden erwählt.

Sie alle haben nichts dafür geleistet. Als er seinen Bund schließt, mit vielen guten Geboten, die die Menschen nicht gängeln, sondern schützen sollen, da haben sie noch keines davon gehalten. Und auch hinterher mehr davon gebrochen, als sie jemals befolgt haben. Und doch ist er treu. Genau zu solchen. Zu den Unschönen, Unscheinbaren, Unvorzeigbaren. Er hat sie sich ausgesucht.

Jahwe. "Ich bin für euch da." Er ist der Gott, der die Kleinen liebt. Der die Unbedeutenden erwählt.

Wir wissen so oft schon im Voraus, wie es ausgehen wird: So vieles läuft immer gleich ab in dieser Welt und wir, wir haben die Muster längst durchschaut. Wir sehen die Menschen um uns herum, und oft braucht es nur einen Blick, um zu wissen, wer dazugehört und wer nicht. Aus wem was wird und aus wem nicht. Mit wem man sich sehen lassen kann und mit wem nicht. Da gibt es die Schönen, die Starken, die Klugen, die Reichen -- nicht nur an Geld, sondern auch an Ansehen und Beliebtheit. Und dann gibt es die Anderen. Die Kleinen, die Dicken, die Brillenträger. Die Unsportlichen dieser Welt. Die, die keinen zweiten Blick verdienen. Die niemand in seinem Team haben möchte.

Da gibt es die, die scheinbar mühelos ihr Leben meistern. Denen alles zuzufallen scheint. Die als leuchtende Vorbilder für die anderen hingestellt werden. Und dann gibt es die, die scheinbar nichts auf die Reihe bekommen. Die immer wieder versagen. Die sich viel vornehmen und denen es an guten Vorsätzen und hehren Zielen nicht fehlt. Die die Gebote kennen und die Anforderungen und die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben. Die aber an der Umsetzung scheitern -- nicht nur einmal, sondern immer wieder. Die, die keiner in seinem Team haben will. Oder in seiner Nachbarschaft. Oder in seiner Kirche.

Keiner?

Doch: Einer!

Dann kommt er: Jahwe. "Ich bin für euch da." Der Gott, der die Kleinen liebt. Der die Unbedeutenden erwählt.

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat [...]: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Wenn im Schulsport Mannschaften gewählt wurde, brauchten wir am Anfang gar nicht hinzuhören. Ein Name nach dem anderen wurde aufgerufen, aber wir wussten eh schon, dass unserer nicht dabei sein würde. Erst ganz am Schluss gab es da eine Chance und der Letzte, der wurde gar nicht mehr gerufen. Er ging zu dem Team, das ihn nehmen musste, weil ja klar war, dass sonst keiner mehr übrig war.

Doch hierkommt Gott und plötzlich traue ich meinen Ohren nicht mehr: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen". Christoph, Leon, ... wie auch immer du heißen magst. Dich meine ich! Komm zu mir! Komm in mein Team! Ich habe dich gewählt.

Jahwe. "Ich bin für euch da." Der Gott, der die Kleinen liebt. Der die Unbedeutenden erwählt.

In der Taufe hat er uns das zugesprochen. Fürchte dich nicht. Du bist mein. Und ich bin für dich da.

Wir glauben oft schon im Voraus zu wissen, wie es ausgehen wird -- und zeigen doch nur damit, wie wenig wir eigentlich wissen. Wer kann denn schon sagen, was der kleine Leon einmal tun wird in seinem Leben? Was er werden wird? Zu welcher Gruppe er einmal gehört? Heute haben wir unsere Hoffnungen, unsere Wünsche und unsere Gebete für ihn. Aber wissen kann es niemand von uns, ob er einmal zu den Großen, Starken, oder zu den kleinen dicken Brillenträgern gehören wird.

Gott wartet nicht so lange, bis das klar ist. Wie er es mit Israel getan hat -- und mit uns -- so handelt er auch mit Leon. Heute, ohne irgendwelche Vorleistungen, ohne dass Leon schon sämtliche Gebote gehalten und ein leuchtendes Vorbild geworden wäre... heute sagt Gott schon sein "Ja" zu ihm. Er wählt ihn in sein Team. Er sagt: Du gehörst dazu.

Jahwe. "Ich bin für euch da." Der Gott, der die Kleinen liebt.

Grund für uns, an die eigene Taufe zurückzudenken. Auch uns hat Gott das zugesagt. Auch uns hat er gewählt.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Ganz ohne Voraussetzung.

Die Gebote verlieren dadurch nicht ihre Bedeutung. Gott freut sich mit, wenn aus seinen guten Leitlinien für unser Leben etwas Schönes, Großes, Starkes erwächst.

Aber die Gebote sind keine Eintrittskarte. Die braucht es nicht mehr. In Jesus Christus hat Gott die Türe schon weit aufgemacht. Frei von jedem Zwang, mir erst einen Platz verdienen zu müssen, kann ich nun mit meinem Leben den zurücklieben, der mich zuerst geliebt hat. Und der Segen, der daraus erwächst, kommt mir zugute.

Auch das klappt nicht immer so, wie ich es mir wünsche. Wie Gott es sich wünscht von mir. Im praktischen Leben gibt es manchen Moment, in dem mein eigenes Verhalten mich zurückdenken lässt an die letzte Reihe dort im Schulsport. Wenn ich mich wieder wie einer der Versager fühle, als einer der kleinen dicken Brillenträger.

In diesen Momenten hilft es mir, mich an Gottes Treue zu erinnern. Er hatte das erste Wort in dieser Beziehung und er behält auch das letzte. "Baptizatus sum." "Ich bin getauft", hat Martin Luther in solchen Augenblicken den teuflischen Zweifeln entgegengehalten. Gott hat sich zu mir schon positioniert. Er hat sein Ja zu mir schon gesprochen, hat sich schon auf meine Seite gestellt.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jes 43, 1)

Daran will ich mich festhalten -- komme was wolle -- weil er -- das weiß ich -- ganz festhält an seinem Wort:

Uns hat der HERR, unser Gott, erwählt zu seinem Eigentum. Nicht hat uns der HERR angenommen und uns erwählt, weil wir Groß wären - denn wir sind in vielem klein und unbedeutend -, sondern weil er uns geliebt hat.

Wir sind -- da will ich mir ein Zitat aus Sandra Bils' Abschlusspredigt vom letzten Kirchentag ausborgen -- Gottes geliebte Gurkentruppe.

Ausgewählte Gurken eben.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer