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Aufruhr in Thessaloniki

Wie man die Welt verändert

Aufnahme der Predigt (17:15)
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Die Predigt "Aufruhr in Thessaloniki" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Apostelgeschichte 17,1-9

In aller Kürze

Wer würde nicht reagieren, wenn plötzlich alte Gewissheiten in Frage gestellt werden? Wenn es einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint? In den Fragen und Ungewissheiten dieser Welt haben wir eine Botschaft, die Hoffnung bringt: Jesus Christus, den Heiland der Welt.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Der Mob ist aufgebracht. Wütende Menschen ziehen durch die Stadt. Lautstark machen Sie ihrem Ärger Luft. Überall hört man ihre Parolen. "Es reicht!" "Das lassen wir nicht mit uns machen!" Enttäuschte sind dabei. Verlierer der letzten Jahre wittern ihre Chance, einmal Teil von etwas Großem, Bedeutendem zu sein. "Wir sind das Volk!", hört man sie rufen, als sie mit ihren Forderungen in die Hörweite der Mächtigen kommen. "Wir sind das Volk!" Einmal gehört werden. Einmal am längeren Hebel sitzen. Der "kleine Mann von der Straße" will die Welt verändern. Die Frau neben ihm auch.

Angefangen hatte alles ganz klein. Die meisten haben es gar nicht wahrgenommen. Und die Mehrheit hätte sich für das Thema gar nicht interessiert. Eine Detailfrage, die irgendeine obskure Gruppe betrifft. Normalerweise hätte man mit den Achseln gezuckt und hätte den Vorfall sofort wieder vergessen. Aber nicht heute. Ein Funke hat genügt. Eine Wut, die vielleicht schon länger gärte, kommt jetzt an die Oberfläche. Die ersten Empörten haben andere mitgerissen. Die Emotionen kochten hoch und haben andere angesteckt. "Das lassen wir uns doch nicht bieten. Was fällt denen ein? Was denken die eigentlich, wer sie sind?"

Es klirrt. Die ersten Dinge gehen zur Bruch. Die angestaute Wut sucht sich ein Ventil. Längst nicht jeder, der hier mitläuft, hat das Thema, um das es einmal ging, überhaupt verstanden. Viele lassen sich unwissend vor den Karren spannen -- oder versuchen, die Macht der Menge für ihre eigenen Zwecke zu mißbrauchen. Eine Welle der Gewalt schwappt quer durch die Stadt.

Jetzt haben sie ein Opfer gefunden. Die Umstehenden schauen nur hilflos zu, als sie den Mann packen und mit sich schleifen. "Wir sind das Volk" kann jetzt ganz schnell zur Selbstjustiz umschlagen. Nur gut, dass wir nicht im Wilden Westen sind, sonst hätte sicher schon einer Teer und Federn zur Hand. Oder einen Strick. Zum Glück geht es hier noch nicht soweit: Sie schleifen ihn zu denen, die das Sagen haben. Sie schubsen ihn zu Boden und stoßen wilde Drohungen aus. Wirre Anschuldigungen werden vorgebracht, eine schlimmer als die Andere.

Szenen aus Thessaloniki, wo die Sonne sonst beschaulich das ägäische Meer küsst.

Es könnte auch Hamburg sein, oder Berlin oder Stuttgart.

Am Anfang stand eine theologische Frage. In der Synagoge der jüdischen Mitbürger kam es zu Diskussionen, weil zugereiste behaupteten, der lang erwartete Messias sei gekommen in Gestalt eines Mannes aus Nazareth in Galiläa. Wirklich kein Thema, das in der griechischen Provinz viele Gemüter erregen könnte. Außer dort, in der Synagoge. Dort schieden sich die Geister ganz massiv. Und während einige begeistert die Erfüllung ihrer Hoffnungen feierten, waren andere wie vor den Kopf gestoßen. Alte Glaubensgewissheiten wurden plötzlich in Frage gestellt. Liebgewordene Gewohnheiten auch. Manchen zog das fast den Boden unter den Füßen weg.

Das ist schon heftig, wenn andere plötzlich an den Grundfesten der eigenen Überzeugung rütteln. Sich selbst zu hinterfragen ist nicht die größte Stärke der meisten Menschen -- und schon gar nicht die liebste Beschäftigung.

Wenn der unsichtbare Gott plötzlich ein Gesicht haben soll. Und eine Adresse.

Wenn der hart erarbeitete Heiligkeitsstatus plötzlich nichts mehr wert sein soll, weil Gott gnädig ist und sich Menschen unverdient zuwendet.

Wenn der ein Leben lang verdiente Wohlstand plötzlich am Pranger steht, als übermäßiger Konsum auf Kosten von Umwelt, Klima und von nachfolgenden Generationen.

Wenn die vertraute Heimat plötzlich auch das neue Zuhause von anderen sein soll, die von weit her kommen und anders reden, denken und riechen.

Wenn die Reichen immer reicher werden und der eigene Traum von Größe und Bedeutung immer noch nur ein Traum bleibt.

Wenn die Illusion von der Sicherheit plötzlich platzt und ein Virus uns zeigt, wie verwundbar wir alle sind.

Da bebt der Boden unter den Füßen. Da kommen wir alle ins Straucheln.

Und die erregten Gemüter schlagen zurück. Sie wehren sich gegen diesen unvermittelten Angriff auf den Status Quo. Da werden alle Register der menschlichen Abwehrmaschinerie gezogen: Fakten werden geleugnet. Gerüchte werden begierig aufgegriffen und wie bei der "Stillen Post" immer größer. Man munkelt von Verschwörung. Die, die andere Ansichten mitbringen, sind verdächtig. Wo man sie mit Argumenten nicht schlagen kann, da greift man sie eben persönlich an. Als Feinde des Volkes werden sie vorgeführt.

Wie in einer Spirale schrauben sich Emotionen, Lautstärke und Aggression nach oben. Nicht nur das Ende ist Gewalt. Eigentlich schon der ganze Weg dorthin.

Wenn der Boden unter den Füßen wackelt...

In Tailfingen kennt man sich ja aus mit Erdbeben. Immer wieder wackelt es hier, am erdbebengefährdesten Ort in Deutschland. Manchmal nur ganz leicht. Da kommt man ein wenig ins Zweifeln, ob da etwas war oder nicht. Manchmal wacht man mit einem Ruck auf, weil sich alles bewegte. Und manche hier erinnern sich auch noch an das große Beben, vor über 40 Jahren, als ganze Häuserfronten ins Wanken gerieten. Wer nachher die Pauluskirche einmal aufmerksam von außen anschaut, sieht das Stahlkorsett, das seither alles zusammenhält, damit das Gebäude nicht auseinanderfällt.

Am 25. April 2015 hat um 11:56 die Erde in Nepal gebebt. Stärke: 7,8. Am 12. Mai noch einmal. Freunde von uns waren da gerade vor Ort. 25 Sekunden lang schüttelte die Erde sich. Gefühlt hätte das eine Stunde sein können.

Hinterher ist man nicht mehr derselbe. Wenn das, was immer fest schien, plötzlich nicht mehr trägt -- worauf kann man sich dann noch verlassen?

Irgendwie kann ich die aufgebrachte Menge schon verstehen.

Mittendrin: Die Menschen, die das alles erst ins Rollen brachten. Paulus. Silas. Jason, der Sprecher der Gruppe dort in Thessaloniki. Menschen, die wie du und ich an Jesus Christus glauben. Unsere Vorfahren, Väter im Glauben.

Was machen die eigentlich mittendrin in der aufgebrachten Menge?

Am Anfang war das alles eine theologische Frage. Da konnte man noch diskutieren. Miteinander in den Schriften forschen. Einander zuhören und vielleicht dabei selbst etwas lernen. Und manche Wogen glätten.

Das ist längst vorbei. Der Zug ist abgefahren. Die Fronten sind verhärtet. Man redet nicht mehr und man hört schon gar nicht zu. Jetzt gibt es nur noch Gerüchte und Parolen.

Was machen eigentlich die Christen mitten in dieser Gemengelage?

Vielleicht könnten wir ja heute, in Hamburg, Berlin und Stuttgart und sogar hier in Tailfingen von denen lernen, die das damals miterlebt haben.

Denn heute wie damals können wir eines nicht: Uns heraushalten. Wir werden quasi mit hineingezogen in die Auseinandersetzungen unserer Zeit. Und als Christen können wir dazu nicht schweigen. Ganz besonders nicht, wenn der Schutz der Schwachen oder die Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung in Frage stehen.

"Diese, die den ganzen Erdkreis erregen, sind auch hierher gekommen; die beherbergt Jason.", schreit die aufgebrachte Menge damals in Thessaloniki. "Und diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus."

Wie bei so vielen Gerüchten und Verschwörungsmythen ist da im Kern etwas wares dran.

Ein anderer ist König, nämlich Jesus.

Was die Menge hier aufgeschnappt hat, gehört zum Kern des christlichen Glaubens:

"Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15), lehrt Jesus die Menschen um sich her. Er erzählt von Gott, der seine Herrschaft aufrichtet und alle einlädt, ein Teil davon zu werden. Am Kreuz öffnet er die Tür für uns alle, hinein in dieses Reich Gottes, das schon angebrochen ist und doch in seiner Fülle erst noch kommt. Ein Reich, nicht von dieser Welt. Ein Reich, das anders ist, als alle menschlichen Machtkonstruktionen.

"Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist." (Römer 14,17), erklärt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom.

Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.

Das würde ganz schnell viele der Probleme dieser Welt lösen, wenn wir davon mehr hätten. Und genau das ist die Perspektive, die wir Christen anzubieten haben in den Diskussionen unserer Tage: Dass nämlich Gottes Reich mit Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist bereits angebrochen ist in Jesus Christus. Und dass in ihm alle dazu eingeladen sind.

Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Das ist nicht nur frommes Gesäusel, das mit der Realität der Welt schon längst nichts mehr zu tun hat. Wenn die Menschen von Thessaloniki eines kapiert haben, dann, dass das Reden vom Reich Gottes und von dem Christus, der gekommen ist, es aufzurichten, echten Sprengstoff birgt: Geradezu revolutionär ist dieser Gedanke. Er hat Potential "den ganzen Erdkreis zu erregen". Zumindest tut er es dort, in Thessaloniki.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Es ist ja nicht unumstritten, wie wir uns in den großen Debatten unserer Zeit verhalten sollen. Manchen wäre es am liebsten, wir würden einfach dazu schweigen. Schließlich haben Christen in vergangenen Jahrhunderten auch schon genug Schuld auf sich geladen. Betretenes Schweigen wäre da vielleicht eher angebracht.

Andere meinen, wir sollten mehr mit dem erhobenenen Zeigefinger auftreten. Braucht unsere Welt nicht gerade heute umso dringender Menschen, die an Anstand und Werte erinnern, an Verantwortung und an Nächstenliebe. Und haben wir da nicht die besseren Argumente, wenn wir für Solidarität und Miteinander eintreten, gegen Egoismus und Besitzstandswahrung?

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Stellt euch einmal vor, wie unsere Welt aussehen würde, wenn man darin mehr vom Reich Gottes entdecken könnte:

Mehr Frieden, statt Kriegen und Auseinandersetzungen und Polizeigewalt und Unruhen in den Städten und politischen Spannungen. Friede für alle, vielleicht sogar "Schalom", jenen Zustand ungetrübten Wohlergehens, den man gar nicht mit einem einzelnen Wort übersetzen kann.

Mehr Gerechtigkeit, statt einer Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter aufgeht. Statt Globalismusverlierern und Kinderarmut, statt Willkürherrschaft und niedergeknüppelten Freiheitsbewegungen. Gerechtigkeit statt dritten, vierten, fünften Welten. Gerechtigkeit, statt dass für viele nur noch Flucht bleibt vor dem Grauen in ihrer Heimat.

Mehr Freude im Heiligen Geist. Da könnte sich ja sogar bei uns Christen noch einiges verändern, wenn Menschen vergnügt, erlöst, befreit in der Freude des Heiligen Geistes den Herausforderungen des Alltags begegnen würden. Und auch den Christen, die anderer Meinung sind.

Friede, Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist. Mehr vom Reich Gottes und mehr von Jesus Christus in der Mitte.

Wäre das nicht etwas?

Das könnte glatt den ganzen Erdkreis erregen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir sind von Gott dazu berufen, Unruhestifter zu sein. Stifter einer heiligen Unruhe, die sich nicht zufrieden gibt mit einer Welt voller Unzufriedenheit, Ungerechtigkeit, Gewalt und Hass. Wir sind berufen, dem etwas entgegenzusetzen. Nein, eigentlich nicht etwas. Jemanden. Den, der nämlich alles verändert. Durch den das Reich Gottes angebrochen ist und durch den wir alle eingeladen sind, ein Teil dieses Reiches zu werden.

Genau wie Paulus sind wir dazu berufen, zu bezeugen, dass in Jesus das Heil für die Welt gekommen ist. Dass er das Leiden der Menschen auf sich genommen hat bis zum Tod. Und dass in ihm die Liebe Gottes über Leid und Tod triumphiert hat. Wer, wenn nicht Christus, ist die Antwort für diese Welt. Evangelium. Gute Nachricht.

Wir sind berufen, Zeugen zu sein, Hoffnungsstifter, Friedensbringer. Menschen, mit einer Perspektive, die über das Klein-Klein der menschlichen Probleme und der menschlichen Lösungsversuche hinausblicken kann. Die anderen Hoffnung geben, weil sie selbst in der Gewissheit des Glaubens an Christus festen Boden unter den Füßen haben.

Damit werden wir immer anecken. Das wird ganz viel in Frage stellen -- angefangen mit uns selbst und unserem Umgang mit den großen Fragen unserer Zeit. Das hat damals wie heute das Potential, den Erdkreis zu erregen. Und das wird sicher Anstoß erregen -- vielleicht auch Anstoß geben, die Dinge anders zu sehen und ins Nachdenken zu kommen.

Liebe Geschwister,

Wie wäre es, wenn wir wie Paulus, Silas und Jason und ungenannte andere mit ihnen, vor allem dafür bekannt wären, dass wir von der Hoffnung reden, die mit Gottes Reich in die Welt kommt? Ich glaube, etwas besseres könnte uns allen gar nicht passieren.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer