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Die Predigt "Auf dem Trockenen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jeremia 14,1-9

In aller Kürze

Nach zwei Dürresommern können wir gut nachvollziehen, wenn Jeremia über Dürre schreibt. Trockenheit, nicht nur auf den Feldern, sondern auch im Herzen. Was kann man da noch tun. Ach, Herr! Hilf!

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 14. Kapitel:

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.
Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht! (Jeremia 14,1-9)

Deutschland, im Juli 2018:

Mit ganzer Kraft rammt Hans-Friedrich Stegen seinen Spaten in die Erde. Es knirscht und staubt, während er auf seinem Maisfeld ein Loch aushebt. Eine Schaufel Erde nach der anderen landet auf einem Haufen. Als das Loch mehr als einen halben Meter tief ist, hört Stegen auf.

Vorsichtig kratzt er mit seinem Spaten die kleinen Wurzeln frei. Selbst tief unter der Pflanze ist die Erde zu trocken. "Auf meinem Feld fehlen 80 Liter Wasser pro Quadratmeter. Mein Mais verdurstet", sagt der 63-Jährige.

Nachdenklich schaut Stegen über sein Feld. Die Sonne brennt vom Himmel. Es ist noch früh am Tag und trotzdem schon 30 Grad heiß. Bis zu 36 Grad werden es an diesem Julitag werden. Während sich die Menschen im Norden und Osten des Landes über den besten Sommer seit Jahren freuen, verzweifeln die Landwirte dort an der anhaltenden Trockenheit. Am 13. April hat es auf den Feldern von Hans-Friedrich Stegen im Landkreis Lüneburg zuletzt richtig geregnet. Das ist mehr als dreieinhalb Monate her, und das ist ein Problem. [1]

Wir sitzen auf dem Trockenen.

Israel, im Südreich Juda, so um das Jahr 600 vor Christus:

Jämmerlich. Verschmachtet. Trauernd. Leer. Traurig. Betrübt. Traurig. Kahl. Verzagt.

So erlebt der Prophet Jeremia die Stimmung in seiner Umgebung. Auch hier hat eine große Dürre das Land ausgetrocknet. In einem sowieso wasserarmen Gebiet und in einer Zeit, in der die meisten Menschen sozusagen von der Hand in den Mund leben, ist das noch viel gewichtiger als bei uns heute.

Rissige Erde. Nichts Grünes. Kein Wasser. Wir sitzen auf dem Trockenen.

Mehr als das, sagt Jeremia. Die Dürre in unserem Land ist möglicherweise nicht nur eine Frage des Klimas. Wir sind vielleicht selbst daran schuld, mit unserem Ungehorsam gegen Gott. Wir haben ohne ihn gelebt. Wir haben nicht nach ihm gefragt. Ausgerechnet wir, sein Volk! Das er erwählt und errettet hat, heraus aus Ägypten, durch das Rote Meer und die Wüste, hinein in ein wunderbares Land, dass er uns gab. Wir, unter denen er wohnt in seinem Tempel. Wir, die er nie verlassen hat. Wir haben ihn verlassen. Unsere Sünde schreit zum Himmel. Vielleicht ist es deswegen so dürr und vertrocknet in unserem Land.

Mehr noch als das, meint Jeremia. Wir sind ja selbst so: jämmerlich, traurig, betrübt und verzagt. Ausgetrocknet, innerlich. Die Dürre ist ein Bild für unser eigenes Leben, in dem das lebendige Wasser der Gegenwart Gottes fehlt. Er ist uns fremd geworden -- er, unser Gott. Und, trocken und kahl wie es in unserem Innern aussieht, haben wir den Sinn für seine Gegenwart verloren. Es scheint, als habe er uns im Stich gelassen: " Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann?"

Unsere Sünde schreit zum Himmel. Sie klagt uns an für unsere Gottesferne.

Wir sitzen auf dem Trockenen.

Deutschland, im Januar 2020:

Nach den vergangenen Dürresommern können wir uns langsam gut hineinfinden in die Bildsprache des Propheten, die eigentlich aus einer ganz anderen Klimazone kommt. In den Sommerferien waren wir als Familie in Mecklenburg-Vorpommern im Urlaub. Erschreckt sind wir an riesigen Maisfeldern vorbeigefahren, die einfach nur braun und trocken waren. Zum Teil standen die Pflanzen kaum höher als bis zum Knie. Die Bauern hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Felder abzumähen, weil es sowieso nur unnötige Arbeit gewesen waren.

Die saßen auf dem Trockenen.

Manche von uns können sicher auch die innere Bilderwelt des Propheten nachvollziehen: Von der Dürre und Trockenheit, die tief im Herzen sitzt. Wenn man sich leer fühlt. Verschmachtet gerade zu. Wenn es scheint, als könne keine Hoffnung mehr grünen. Wenn nur lautes Klagen bleibt, oder ein trauriger Rückzug in die Resignation. Wenn Gott sich unendlich fern anfühlt. Wie ein Fremder und gar nicht wie ein starker Held. Vielleicht, weil wir uns langsam von ihm entfremdet haben. Vielleicht, weil uns die Umstände regelrecht von ihm wegzuschienen scheinen. Von "Sünde" spricht der Prophet Jeremia. Sünde, das ist ja gar nicht immer schon in erster Linie eine Frage nach irgendwelchen üblen Taten, die jemand begangen hat. Sünde, das ist viel mehr die Beschreibung eines Grundzustands, des Getrenntseins von Gott. Da kann dann ja auch nichts mehr grünen.

Wir sitzen auf dem Trockenen.

Galiläa, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung:

Sie sitzen auch auf dem Trockenen. In einer äußerst unangenehmen Situation. Das Fest ist in vollem Gange. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, um fröhlich miteinander zu feiern, dass es da zwei gibt, die ihre Zukunft miteinander teilen werden. Ein junges Ehepaar, der Beginn einer Familie, ein Zeichen der Hoffnung. Da fühlt sich mancher selbst wieder jung und feiert mit. Sieben Tage lang. Alle miteinander, eine große Gemeinschaft.

Die Familien des jungen Paares haben sich nicht lumpen lassen: So ein Anlass verpflichtet ja auch. Statt der üblichen kärglichen Alltagsnahrung gibt es alle möglichen Köstlichkeiten. Und natürlich den guten Wein. Den hat man sich extra für so einen Anlass aufgespart. Und jetzt können sich alle daran freuen.

Bis jetzt zumindest.

Bei den Helfern hinter den Kulissen wird es unruhig. Noch hat es keiner der Gäste bemerkt, aber das Nachfüllen der Becher ist ins Stocken geraten. Nur noch ein Bodensatz ist in der großen Weinamphore. Die letzten Tropfen noch. Und jetzt ist es aus.

Wie unendlich peinlich! Über diese Hochzeit wird man im Dorf noch Jahrzehnte später schwatzen. Eine Blamage! Vielleicht ja sogar ein übles Vorzeichen für die junge Ehe, die eben noch so fröhlich begonnen hatte.

Wir sitzen auf dem Trockenen.

Deutschland, im Januar 2020:

Was macht man denn, wenn einem die Hoffnung fehlt? Wenn alles kahl und leblos und traurig und leer erscheint?

Was macht man, wenn man sich so weit weg fühlt von Gott, der doch Worte des ewigen Lebens für uns haben sollte?

Israel, im Südreich Juda, um das Jahr 600 vor Christus:

"Ach, Herr!", sagt Jeremia. Das sagt er übrigens öfters. Vielleicht erinnern sich manche noch an meine erste Predigt in Tailfingen, Ende Juli 2018. Da war das sogar der Titel: "Ach, Herr!" -- nache Jeremia 1. Und der Prophet wollte schon im ersten Kapitel alles hinschmeißen, weil im klar war, in welcher Situation er seinen Dienst tun würde. "Ach, Herr!" Das hat sich seither nicht geändert.

"Ach, Herr,", sagt Jeremia, "wenn unsere Sünden uns verklagen, so hilf uns doch um deines Namens willen!"

Wenn alles dürr und tot ist -- sagt Jeremia -- völlig ohne Hoffnung, dann bleibst uns nur noch du, Herr. Hilf uns doch!

Nicht, weil wir das verdient hätten. Unsere Sünde klagt uns ja selber an. Wir sind uns wohl bewusst, wie sehr wir selbst Schuld tragen an unserer Misere. Schuld daran, dass du uns fremd geworden bist. Da haben wir jetzt kaum etwas zu fordern.

Aber zu bitten! Herr, wenn du es nicht um unseretwillen tust, dann tu es doch aus einem anderen Grund: Weil du du bist. Uns scheinst du als ein Fremder, als einer, der keinen Bezug mehr zu uns hat. Ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt. Ein verzagter Held, der seine Kraft verloren hat. Aber -- und das hört man deutlich aus den Worten des Propheten -- das ist ja nur Schein. Das ist ja nur unsere Entfremdung, die uns das glauben lässt. Die Wirklichkeit ist doch eine ganz andere: "Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer." "Du bist ja doch unter uns, Herr."

Hilf uns, Herr, um deines Namens willen!

Und auch wenn wir es nicht verdient haben: Hilf uns, weil wir ja diesen Namen tragen. Du hast uns selbst nach dir benannt. Du hast gesagt, wir gehören zu dir. Du hast versprochen an uns, deinem Volk -- deinem widerspenstigen, eigensinnigen, untreuen Volk -- deine Herrlichkeit zu zeigen. Also, hilf uns, Herr! Verlass uns nicht! Tu es um deines Namens willen.

Wir brauchen dich, Herr! Wir selbst können nichts mehr tun.

Wir sitzen auf dem Trockenen, Herr!

Deutschland, im Januar 2020:

"Ich glaube, hilf meinem Unglauben." (Markus 9,24). So lautet die Jahreslosung in diesem gerade begonnen Jahr. Wenn wir schon begonnen haben, darüber nachzudenken, dann spüren wir die Zerrissenheit in diesen Worten. Ich glaube ja. Ich will ja glauben. Ich weiß in meinem Verstand, wer Gott ist und was er kann und dass ich ihn brauche -- seine Gegenwart, seine Nähe, seinen Segen, selbst seine Zurechtweisung in meinem Leben. Ich weiß auch -- theoretisch -- dass man sich auf ihn voll und ganz verlassen kann. Egal in welcher Situation. Mein Leben (und eines Tages sogar mein Sterben) liegt in seiner Hand. Das weiß ich alles. Das will ich glauben.

Aber es fällt mir immer wieder so unglaublich schwer. Da kommt mein Unglaube zum Vorschein, den ich so viel lieber verstecken will. Vergessen will. Meine Zweifel, meine Fragen. Mein menschlich so gut nachvollziehbares Bauchgefühl, das etwas ganz anderes sagt. Vielleicht auch manche enttäuschende Lebenserfahrung. Ich will ja glauben.

"Ich glaube, hilf meinem Unglauben."

Aber ich kann es so oft nicht.

Da zeigt sich die Dürre in meinem Leben: Ich sitze auf dem Trockenen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass das wichtigste Wort dieser kurzen Jahreslosung -- es sind ja insgesamt nur 5 Worte -- genau in der Mitte steht. In der Mitte zwischen Glauben und Unglauben, zwischen denen ich so hin- und hergerissen bin. Das wichtigste Wort:

Hilf!

Da ist es wieder.

Ach, Herr!

Hilf!

Um deines Namens willen.

Ich brauche dich.

Ich sitze auf dem Trockenen.

Galiläa, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung:

Der Mann, der hinter den Kulissen dafür sorgt, dass das fröhliche Fest überhaupt möglich wird, bahnt sich den Weg durch die versammelten Gäste. Möglichst unauffällig nähert er sich dem Bräutigam, wartet einen günstigen Moment ab, beugt sich nach vorne und flüstert in dessen Ohr. Noch wissen die Gäste nichts von dem, was hier passiert. Auch der Bräutigam ist noch völlig arglos. Fröhlich lächelt er die Gäste um sich an, während er sich konzentriert, um im Lärm der Feier das Flüstern an seinem Ohr zu verstehen:

"Wir haben ein Problem.", sagt der Speisemeister. "Ich kann es mir gar nicht erklären, wie das passieren konnte."

Der Bräutigam runzelt die Stirn. Das klingt nicht gut.

"Wir hätten doch eigentlich den guten Wein zuerst ausschenken sollen. Jetzt sind die Amphoren leer ... und wir müssen feststellen, dass die sechs großen Krüge, die wir noch haben, ja viel besseren Wein enthalten!"

Die Gäste werden wahrscheinlich nie erfahren, was da hinter den Kulissen passiert ist.

Sie saßen auf dem Trockenen. Peinlich. Und hoffnungslos.

Aber Jesus war ja da. Und Maria, seine Mutter, die sofort begriffen hat, was zu tun war:

Ach, Herr! Hilf!

Und so geschah sein erstes Wunder.

Deutschland, im Januar 2020:

Ich glaube. Oder auch nicht. Hilf!

Ach, Herr! Hilf! Hilf meinem Unglauben!

Wo wir auf dem Trockenen sitzen, wo uns Gott so fern geworden zu sein scheint, da müssen wir neu entdecken, dass er doch da ist: Der Trost Israels und sein Nothelfer. Unserer auch.

Wo wir nichts haben, was Gottes Zuwendung zu uns rechtfertigen würde -- nur ganz viel Zweifel, ganz viel Unglauben -- da müssen wir neu entdecken, dass auch wir seinen Namen tragen. Auf den sind wir sogar getauft. Da hat er uns sein Siegel aufgedrückt: Der gehört zu mir. Die gehört zu mir. "Siehe ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und: "Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Ich glaube. Oder auch nicht. Viel zu oft nicht.

Ohne ihn sitze ich auf dem Trockenen.

"Ach, Herr! Hilf!" ist da alles, was mir bleibt.

Aber das ist genau das Richtige.

Denn dann kann ja auch heute wieder neu ein Wunder geschehen: Ströme des lebendigen Wassers, die meine Dürre beenden.

Möge Gott uns das schenken.

Amen.

 

 


Quellen:

[1] Sarah Heidi Engel (29.07.2018). "Beschissen wäre geprahlt". Spiegel Online. https://www.spiegel.de/panorama/trockenheit-wie-ein-landwirt-mit-der-duerre-kaempft-a-1220485.html

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer